Sagen Sie mal

Sagen Sie mal...

DAS MIT DEM KREUZ

Sagen Sie mal, gehen Sie ab und zu zur Kirche? Bei mir haben die Besuche anzahlmässig wieder ein wenig zugenommen, seit unser Erstgeborener in der Schule ist. Er nimmt regelmässig am angebotenen Religionsunterricht teil, der in einer nahen Kirche und dem dazugehörigen Pfarreiheim stattfindet. So auch an einem Samstag Ende Mai. Pünktlich um halb zehn Uhr war der Grosse in der Kirche. Zum ersten Teil waren die Eltern nicht eingeladen, dannach aber waren wir gefragt. Zusammen mit meiner Frau und dem kleinen Bruder des Erstklässlers sassen wir pünktlich um elf Uhr in der Kirche und warteten auf den Auftritt der Religionsschüler. Sie kamen zusammen mit ihrer Lehrerin singend in die Kirche. Die Lehrerin sang vor, die Kleinen versuchten tapfer mitzuhalten. Im Lied und der anschliessenden Geschichte drehte sich alles um Petrus, Johannes und Jakobus und darum warum sie alle Gottes Sohn gefolgt sind. Die Gruppe sammelte sich vor dem Altar. Auf dem Boden davor war ein Fischernetz ausgebreitet. Darin zu erkennen verschiedene kleine und grosse von den Kindern gemalte Papierfische. Sie können es sich vorstellen?

Die Klasse setzte sich im Kreis um das Netz und die Katechetin – ist das überhaupt die richtige Bezeichnung? – erklärte, was es mit dem Netz auf sich hat. Jesus war es, der mit seinem Netz fischte, fischte nach Freunden und Jüngern, nach Gläubigen. Er scharrte Freunde um sich, die zu ihm hielten bei Freud und Leid. Und genau so sollten es unsere Kinder auch machen. Nicht mit dem Netz natürlich, sondern durch das Reichen der Hand sollten sie sich ihre Freunde suchen und finden, im Namen Gottes, im Namen des Kreuzes. Wir sangen gemeinsam, die Kinder führten einen Tanz auf und schliesslich kriegte jedes von ihnen – als Zeichen des Zusammenhaltes und der Freundschaft, der Zugehörigkeit zur Gruppe und des christlichen Glaubens – ein kleines silbernes Kreuz an einem dünnen Lederbändchen. Auch unser Grosser erhielt so ein Kreuz und zeigte es uns voller Stolz.

Der kleine Bruder hatte vom Stuhl aus alles aufmerksam beobachtet und war begeistert von dem was er sah: Singen, Tanzen, Zeichnen und am Schluss noch ein Kreuzchen erhalten. Grossartig, wirklich ganz grossartig! Natürlich wollte er auch unbedingt so ein Kreuz haben und nach einigem Hin und Her traute er sich schliesslich am Schluss des Unterrichts zusammen mit seinem grossen Bruder zur Religionslehrerin, damit er um ein Kreuzchen bitten konnte. Die Antwort war unerwartet: "Das ist nicht für Dich", tönte es kurz und knapp von der Religionslehrerin auf den kleinen Bruder herab. Fünf Worte nur, aber die hatten es in sich und liessen den Kleinen augenblicklich losschluchzen.

Wissen Sie, bei Markus, Kapitel 10.13-16 können wir folgendes lesen: Da brachte man Kinder zu ihm, damit er ihnen die Hände auflegte. Die Jünger aber wiesen die Leute schroff ab. Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er nahm die Kinder in seine Arme; dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie.

Ich bin wie schon erwähnt kein grosser Kirchgänger. Nicht weil ich nicht an Gott glauben würde. Ich bin Christ, bekenne mich zum christlichen Glauben und glaube sehr wohl an Gott. Aber ich glaube nicht (mehr) an die Kirche. Auch wenn meine Frau und ich und unsere Kinder in der katholischen Kirche getauft sind und auch wenn ich immer wieder sehr schöne, inspirierende Begegnungen mit der Kirche hatte, sei es an Taufen, Firmungen, Trauungen, Trauerfeiern oder ganz alltäglichen Gottesdiensten, so glaube ich nicht mehr an die Kirche als Institution. Für mich hatte sie die Glaubwürdigkeit verloren, als es um den Umgang mit nachweislich pädophilen Geistlichen ging. Diese nur ihres Amtes zu entheben, nicht aber der irdischen Justiz zuzuführen, ist für mich inakzeptabel, als Vater und als ehemaliger Polizist. Ich bin nicht blauäugig. Ich weiss sehr wohl, dass es Pädophilie in allen Berufsgattungen gibt, aber überall sonst ist klar, dass sie sich beim Entdecken für ihre Taten nicht nur vor Gott, sondern auch vor der weltlichen Justiz verantworten müssen. Das hat mich damals so sehr geärgert, dass ich mich entschloss, aus der Kirche auszutreten und mich stattdessen personell und finanziell noch stärker für das Kinderhilfswerk Island Kids Philippines zu engagieren, um meinem christlichen Glauben Ausdruck zu verleihen. Aber ich schweife ab...

Der Kleine stand also weinend da und verstand die Welt nicht mehr. Das Kreuz ist also nichts für ihn, er darf nicht zu den Freunden dazugehören. Der Zutritt zu Tanzen, Singen, Zeichnen wurde ihm verwehrt, das Kreuz darf er nicht tragen. Wir waren sprachlos. So sprachlos, dass wir im ersten Moment nicht reagieren konnten. Ob der aufkommenden Wut vielleicht auch besser so. Was soll das? Wie kann man einem kleinen Jungen seitens der Kirche das Symbol des Glaubens verwehren? Wie kann man ihn abweisen, wenn er dazugehören will? Wer hat das Recht einem Kind zu sagen, dass diese Freundschaft nichts für ihn ist? Niemand, keine Religionslehrerin, kein Pfarrer, kein Bischof, niemand!

Der Grosse hat seinen kleinen Bruder lange zu trösten versucht und wir Eltern probierten ihm zu erklären, dass es die Katechetin sicher nicht böse gemeint hat... Schliesslich schenkten wir ihm ein Kreuzlein. Eines, dass wir mit ihm zusammen aussuchten (siehe Foto). Das ist jetzt zwei Woche her. Er trägt es ununterbrochen und zeigt es allen Leuten voller Stolz. Der Grosse hat sein Kreuz längst wieder abgezogen. Es liegt auf seinem Pult herum. Er hat es ohne sich anstrengen oder dafür kämpfen zu müssen erhalten. Es ist in seinen Augen nicht viel wert; vielleicht auch, weil er damit schon seine erste schlechte Erfahrung gemacht hat.

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